Demokratie – das sind wir alle!

Frühjahr 2024. In den letzten Monaten sind viele Menschen auf die Straße gegangen, es waren Millionen. Die Zielrichtung der Demonstationen wurde je nach Veranstalter formuliert als „gegen Rechts“, „gegen Rassismus“, „für Demokratie“, gegen eine bestimmte Partei, und einige weitere Varianten.

Ich selbst reflektierte eine Zeitlang darüber, wie ich es mit diesen Demonstrationen halten wollte. Schon länger setze ich mich parteiunabhängig für die Weiterentwicklung unserer Demokratie ein. Ein „gegen“ motiviert mich wenig. Und ein bisschen schwang auch die Sorge mir, hier unterschwellig in einen Wahlkampf für die anstehende Europawahl involviert zu werden. Das Vertrauen in die Politik ist in den letzten Jahren viel stärker gesunken als das Vertrauen in die Demokratie an sich. Die Demokratie zu stärken, halte ich für realistisch und auch für leichter zugänglich. Demokratie ist unsere Gesellschaftsform. Dadurch hat sie einen Bezug zu uns allen und umfasst wesentlich mehr als nur die repräsentative Demokratie, die von vielen Menschen und insbesondere von Politiker:innen gern mit „der“ Demokratie gleich gesetzt wird. Deshalb mache ich mich dafür stark, für Demokratie an sich. Verantwortlich für Politik und für Antworten auf die entsprechende Vertrauenskrise sind meiner Ansicht nach vor allem die Gewählten.

Demokratie – ganz oder lieber doch nur Teile davon?

Aussagen wie „bunt statt braun“ stimmen mich nachdenklich. Und sie sprechen meine philosophische Ader an. Denn: Ist Braun nicht auch eine Farbe? Mal angenommen, Demokratie als Gesellschaftsform ist ein größeres Ganzes. Dann würde das bedeuten, dass jede Farbe dazu gehört. Auch die Ausrichtung mancher Demos „gegen Rechts“ lässt mich aufhorchen. Früher, als es nur einige wenige Parteien gab, waren „Rechts“ und „Links“ anders definiert als heute. Einfacher und klarer. Es hat schon einen Geschmack, wenn links verortete Parteien oder Gruppierungen zu einer Demonstration „gegen Rechts“ aufrufen und damit nebenbei auch noch unsere Demokratie mitmeinen. Mir ist das zu wenig und ich frage mich, was nach diesen Demos geschehen soll. Wie viele Menschen sind wirklich offen dafür, die Frage nach der Demokratie tiefer zu ergründen, Erfahrungen damit zu sammeln und sich vielleicht sogar auf die Suche nach neuen Wegen angesichts der angespannten Lage zu machen? Abgesehen davon, kann ich mit dem Links-Rechts-Schema wenig anfangen. Dazu bin ich als studierte Informatikerin zu sehr mathematisch geprägt. Ich halte Politik für ein komplexes Thema. Zu komplex, um es auf einer einzigen Achse abbilden zu können.

Was das Coverbild mit den Demos zu tun hat

Nach längerem Überlegen und Gesprächen mit anderen parteiunabhängig Demokratie-Aktiven habe ich mich schließlich entschieden, mich nicht an einer Demonstration zu beteiligen. Stattdessen setze ich mein Engagement für eine konstruktive Dialogkultur vor allem an den Wurzeln der Demokratie, in den Kommunen, fort. Ich verstehe mich als eine Botschafterin für Ganzheit. Ein Symbol für Ganzheit ist für mich der Kreis. Schon der Begriff Partei bringt zum Ausdruck, dass es sich um einen Teil eines Ganzen handelt. Wenn jede Partei einen Teil eines Ganzen darstellt, wie kann es dann gelingen, dass ein Ganzes entsteht, in dem die Teile ausgewogen zur Geltung kommen? Die gewohnte Regierungs-Oppositions-Dynamik scheint mir dafür nicht allzu gut geeignet. Auf der kommunalen Ebene ist das demokratische Miteinander oft besser ausgeprägt. Was meiner Ansicht nach auch damit zu tun hat, dass hier nicht nur Parteien das Sagen haben, sondern vielfältigste Gruppierungen von Bürger:innen. Das Miteinander hat mehr Gewicht als auf höheren politischen Ebenen. Auch deshalb, weil man sich auch im Alltag begegnet. Hier wird auch direkte Demokratie stärker erlebbar, ob in Form von Bürgerfragen, Bürgerbegehren, direkten Beteiligungsprozessen oder informellen Gesprächen mit den Gewählten in Stadt- und Gemeinderäten.

Weißer Kreis auf goldenem Grund

Die goldene Farbe findet sich in der Deutschlandflagge. Ich frage mich, inwieweit sie sich überhaupt in aktuellen demokratischen Prozessen widerspiegelt. Wofür steht Gold? Für etwas Höheres, Wertvolles? Dass meine Bildkreation eine goldene Farbe bekam, entstand intuitiv im Lauf des Gestaltens. Der weiße Kreis dagegen hat für mich einen starken, konkreten Symbolwert. Ich sehe in ihm einen Kegel eines Scheinwerfer-Lichts. Wer steht im Licht und wird gesehen, wer nicht? Welche Themen werden gesehen, welche nicht? Was wird übersehen oder auch bewusst verdrängt, ausgenommen, und hinterlässt dabei eine Lücke, wenn es ums Ganze geht? Und vor allem: Wie geht es denen, die oder deren Themen radikal verdrängt, ausgeschlossen werden? Mit eigentlich guten Absichten wird von „Brandmauern“ gesprochen – und dabei oft übersehen, dass damit eher das Gegenteil des eigentlich Gewünschten erreicht wird. Ich bin eine Freundin runder Tische. Umso mehr, wenn sie zu echtem Dialog und tiefem Zuhören einladen, völlig unabhängig von der jeweilgen politischen Couleur. Begegnungen, wo es um die Erfahrung des Kontakts geht. Wo Menschen ins Gespräch kommen können. Ohne Hintergedanken. Sich nicht umstimmen lassen oder andere überzeugen müssen. Einfach mal offen zuhören, hinhören, lauschen. Spüren, was das Gehörte in mir auslöst. Nicht gleich reagieren müssen, weil ich weiß, dass es nur um das Zuhören geht. Da sitzt ein Mensch. Ich sitze auch hier als Mensch.

Gern würde ich einen solchen weißen Kreis einmal bei einer Veranstaltung oder Versammlung auf den Boden legen und die einladen, ihn zu betreten, die sich mit ihrem Anliegen in dieser Runde nicht wirklich gehört und gesehen fühlen, oder die dies zumindest schon einmal so empfunden haben.

Raum für die individuelle Wahrnehmung

Der weiße Kreis hat noch eine weitere Bedeutung. Ganz bewusst habe ich ihn leer gelassen. Damit Menschen, die das gesamte Bild sehen, das hineinlegen können, was sie da vermissen. Der kleine Satz „Nicht links, … , nicht bunt…“ löst in Menschen Verschiedenstes aus, wie ich im Lauf einiger Gespräche über den Entwurf erfahren durfte. Das hieß es zum Beispiel, da gehörten die Kulturen noch hin, sie gehören hinein in dieses Bild. Denn sie machten unsere bunte Gesellschaft aus. Bitte, der Raum ist offen. Lege sie, legen Sie sie hinein, dann wird es Ihr Bild, so wie Sie es sich wünschen. Lege es auf deine Weise aus. Lege hinein, was du gern ins Licht rücken möchtest. Für mich ist der weiße Kreis gut so, wie er ist. Denn darin haben alle und hat alles Platz.

Soziale Kunst

Zaghaft taste ich mich voran. Was heißt es, Künstlerin zu sein? Gesellschafts-Kunst, die Soziale Plastik oder Soziale Skulptur. Im Englischen ist es einfacher: Social Sculpture Arts. Derselbe Begiff für beides, egal ob aus einem festen oder aus einem formbaren Material.

Die Soziale Skulptur ist organisch. Wir formen sie gemeinsam, und doch erlebe ich, dass von mir ausgehende Impulse eine Wirkung auf Andere haben. Ich lasse mich vom Leben führen. Impulse, was ich zum Ausdruck bringen möchte und wie, kommen von innen, auch wenn sie durch Erfahrungen im Außen inspiriert sind. Laut Joseph Beuys kommt ein Kunstwerk aus der Zukunft. Von da aus ruft es, um durch den Künstler/die Künstlerin Form annehmen zu können. Und das eigentliche Kunstwerk ist der kreative Prozess. Nicht das, was am Ende sichtbar rauskommt. Das ist quasi ein Nebeneffekt.

Demokratie als Kunst

Ich habe einen Traum. Wie wäre es, Demokratie als Kunst zu verstehen? Als Kunst, an der wir uns alle beteiligen können, ohne Ausnahme? So dass wir ein gemeinsames Kunstwerk kreieren können, immer wieder neu. So wäre die Demokratie nie am Ende und immer am Werden, in einem stetigen kreativen Prozess.

Ich weiß noch nicht, wo diese Art zu arbeiten mich hinführt. Aber eines weiß ich sicher: Diese Arbeitsweise fühlt sich sinnvoll und wesentlich an. Mehr als fast alles andere, was ich davor erlebt und gelebt habe. Dieses Nicht-Wissen, wo es hinführt, und zu spüren, wie lebendig sich das anfühlt, ist mein Wegweiser.

Das Bild hat übrigens auch eine Rückseite. Da steht „Sorry, We’re CLOSED“. Geschlossen.

Man könnte es aufhängen als Ladenschild, am Eingang eines Geschäfts oder im Schaufenster. Ausprobieren, wie Menschen darauf reagieren. Da hätte ich Lust drauf. Ich hatte auch schon die Idee, es im Postkartenformat drucken zu lassen. Einfach zum Mitnehmen. Demokratie to go. Wahlweise offen oder geschlossen. Je nachdem, wie man es dreht und wendet.

Kunst und Geld

Vor einigen Tagen kam die Frage in mir auf, wie ich es halten wollte mit dem Geld. Wird dieses kleine Projekt auf Interesse stoßen? Wieviele Menschen werden eine solche Postkarte wohl haben wollen und ihre eigene spielerisch-kreative Erfahrungsreise damit beginnen? Muss ich den Druck der Postkarten selbst finanzieren und das Geld dafür auf andere Weise verdienen? Oder wird es evtl. Menschen gehen, die diese Arbeit unterstützen möchten?

Ich habe mich von einer anderen, schon bekannteren Kreativen inspirieren lassen und probiere es nun einfach mal aus. Das Experimentieren mit einem Konfinanzierungsportal für Kreativschaffende ist nun also auch ein Teil dieses kleinen Projekts geworden.

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