OK im inneren Team

Der Organische Konsens im inneren Team

Moosburg, im April 2026. Der Berliner Verein Demokratie Innovation e.V., bekannter unter seiner Marke Es geht LOS, hatte mich eingeladen, zu einem größeren Demokratieprojekt beizutragen. Es ging darum, Teilnehmende zu rekrutieren für das nächste EU-Bürgerforum im Herbst 2026 Brüssel. Moosburg an der Isar, die Stadt in der ich lebe und arbeite, wurde ausgelost. Ich habe sofort zugesagt, Einladungen zu verteilen und Haustürgespräche zu führen. Der Zeitraum für diese Aktion ist Mitte bis Ende Mai.

Mir wurde angeboten, im selben Zeitraum einen zweiten Ort zu bedienen. Für mich sprach einiges dafür, manches dagegen. Ich war sehr unsicher, wie ich mich entscheiden sollte. Den zusätzlichen Umsatz hätte ich gern „mitgenommen“. Allerdings hatten sich ähnliche Aufträge in 2025 in mehreren Kommunen wegen der zeitlichen Dichte als so anstrengend für mich erwiesen, dass ich mir damals vorgenommen hatte, künftig bei solchen Aktionen nur noch 1 Kommune zu versorgen.

Ich war also unsicher, ob ich mich an meinen eigenen Vorsatz halten wollte. Oder ob ich die Einladung so verlockend fand mein Bedürfnis, einen sinnvollen Beitrag zu leisten, so stark war, dass ich mich doch wieder auf eine zweite Kommune einlassen würde.

Nach einigem Hin- und Her-Überlegen und Abwägen mit einer lieben Kollegin kam ich auf die Idee, die Gelegenheit zu nutzen und schon länger gehegtes Vorhaben zu verwirklichen: Ich wollte testen, wie gut der Organische Konsens sich nicht nur mit Gruppen von realen Menschen, sondern auch mit dem Inneren Team durchspielen lässt, also mit einem fiktiven Team aus inneren Anteilen, die ich selbst intuitiv wählen würde.

Der Zeitpunkt war günstig. Ich saß in meinem Arbeitszimmer und wusste, dass ich mir bis zu 1 ½ Stunden ungestört Zeit nehmen konnte.

Schritt 1: Den Raum vorbereiten

Ich bereitete den Raum gut vor. Stellte mir ein Whiteboard auf mit den passenden Stiften. Daneben stellte ich meinen Moderationskoffer, mit genügend rechteckigen und runden Kärtchen, Stiften zum Beschriften und Magneten sowie Tesafilm zum Befestigen. Meine Bewertungskärtchen für die Widerstandswerte von 0 bis 10 lagen auch griffbereit. Oben in der Mitte des Whitebords positionierte ich die Grafik, auf der ich den Prozess für „echte Teams“ übersichtlich visualisiert hatte:

Ich war gespannt, was ich für diesen Prozess mit meinem inneren Team übernehmen konnte und welche Anpassungen nötig werden würden.

Schritt 2: Das Thema benennen

Nun war ich bereit, der Entscheidungsprozess konnte beginnen. Ich machte mir die Situation noch einmal bewusst: Ich darf zu einem größeren Demokratieprojekt beitragen. Mitte bis Ende Mai, an einem bestimmten Ort. Mir wurde angeboten, im selben Zeitraum einen zweiten Ort zu bedienen. Dann schrieb ich als Fragestellung auf eine Moderationskarte: „Wie will ich mit dem Aufsuchen-Projekt umgehen?

Schritt 3: Wer soll gefragt/einbezogen werden?

Intuitiv lud ich 10 innere Anteile ein. Bei meiner Arbeitsweise ist mir sehr wichtig, neben dem Systemischen, Männlich-Rationalen die weibliche Seite stärker zu betonen. Das machte ich mir auch in diesem Prozess bewusst und nahm unter anderem in den Blick: Die Strategin, die Pragmatische und die Hüterin der Gesundheit. Sicherheitshalber setzte ich noch die „Nachzüglerin“ mit auf die Liste, für spätere Erkenntnisse nach 1x Drüber-Schlafen. Also ich plante von Anfang an mit ein, meinen Auftraggeber erst am nächsten Tag über meine Entscheidung zu informieren.

Jeden eingeladenen inneren Anteil schrieb ich direkt auf eine Moderationskarte und platzierte sie gleich auf dem Board.

Schritt 4: Worum geht es? – Die Frage „hinter der Frage“

Schon zu Beginn hatte ich mich darauf fokussiert, was ich entscheiden wollte, und die entsprechende Fragestellung notiert. Jetzt war dem Moment gekommen, wo es darum ging, mein inneres Team noch einmal klar darüber zu informieren. Vor meinem inneren Auge sah ich sie gemeinsam am Besprechungstisch sitzen, und ich sah mich, wie ich zu der Runde sprach. Ich übernahm meine Ausgangsfrage nicht unreflektiert, sondern schaute genauer hin: Geht es wirklich (nur) um diese Frage, oder liegt dahinter noch etwas Wesentlicheres? Mir wurde bewusst, dass es tatsächlich noch eine tiefere Fragestellung gab. Denn da war dieses gesetzte Zeitfenster. Es war nicht nur für den Auftrag relevant, und es ging nicht nur um die Frage, ob ich ein oder 2 Kommunen übernehmen wollte, sondern da gab es noch andere, wichtige Themen zu berücksichtigen. deshalb formulierte ich die neue Fragestellung. „Wie kann ich dieses Zeitfenster (ab 15. Bis Ende Mai) für mich wirklich gut nutzen?“

Schritt 5: Was macht eine gute Lösung aus?

Als „Wünsche an eine gute Lösung“ kam mir vor allem in den Sinn:

  • Dass ich das wirklich gut und gerne mache.
  • Mein Leben genießen und den Ort, an dem ich bin.
  • Gesunde Arbeitsbedingungen für mich selbst.
  • Meine Verbindung zur Erde spüren.

Schritt 6: Brainstorming

Nun konnte ich Vorschläge entwickeln. Als erstes schrieb ist die beiden in Frage kommenden Kommunen auf Moderationskärtchen. Dazu amen private Optionen im selben Zeitraum wie eine Geburtstagsfeier an einem 150 km entfernten Ort und die dort ganz in der Nähe gelegene Landesgartenschau von Baden-Württemberg. Sicherheitshalber ergänzte ich als sogenannte „Passiv-Option“ noch den Vorschlag „Es bleibt offen“. Damit würde ich der Bewertungsphase erkennen können, wie es mir damit gehen würde, heute keine Entscheidung zu treffen.

Schritt 7: Bewertung

Nacheinander holte ich die Bewertungen aller Teammitglieder ein. Für jeden Anteil benutzte ich ein Bewertungskärtchen und fragte zu jedem einzelnen Vorschlag auf der Liste: „Wie hoch ist dein Widerstand zu diesem Vorschlag?“ Den entsprechenden Wert kreuzte ich auf dem Kärtchen an:

Einige Bewertungen überraschten mich.

Schritt 8: Stimmungsbild

Für jeden Vorschlag zählte ich die Summen der Widerstandspunkte von allen Anteilen zusammen und schrieb sie den Vorschlägen auf die Moderationskärtchen. Als alle Summen vorliegen, ließ ich die Bewertungen erst einmal auf mich wirken.

Schritt 9: Widerstände erkunden

Einige Widerstände die mich besonders interessierten, erkundete ich genauer. Ich konzentrierte mich auf den jeweiligen inneren Anteil und auf seine Einwände. Dabei lauschte ich mit offenem Herzen.

Schritt 10: Erkenntnisse „ernten“ und würdigen

Ich ging alle Vorschläge nochmal durch. Dabei machte ich mir die jeweiligen Vor- und Nachteile bewusst. War meinen „Teammitgliedern“ sehr dankbar für die gewonnenen Erkenntnisse. Mir war bewusst, dass ich bei einem weniger intensiven Entscheidungsprozess einiges übersehen hätte.

Schritt 11: Das Ergebnis

Der Vorschlag „Geburtstagsfeier“ hatte 0 Widerstände bekommen. Der Vorschlag „Landesgartenschau“ blieb als Möglichkeit stehen, weil ich spürte, dass in mir Druck entstand bei dem Gedanken, das schon fest einzuplanen und mir gleich online ein Ticket zu kaufen.

Der erste Ort für meinen Auftrag (Moosburg) hatte für mich überraschend einige Widerstandspunkte ausgelöst. Nachdem ich den Anteil mit den Bedenken hatte „sprechen“ lassen, wusste ich genau, worauf zu achten für mich wichtig sein würde.

Alle anderen Vorschläge schieden klar aus.

Schritt 12: Abschluss und Feiern

Ich freute mich von Herzen über die gewonnene Klarheit und „feierte“ sie, indem ich mich bei mir selbst für den Prozess bedankte und dass ich mich dem Anliegen so intensiv gewidmet hatte. Da ich auch meine innere „Nachzüglerin“ mit eingeladen hatte, entschied ich mich, noch eine Nacht drüber zu schlafen. Am nächsten Tag teilte ich meine im Organischen Konsens mit meinem inneren Team getroffene Entscheidung meinem Auftraggeber mit. Dabei empfand ich eine Leichtigkeit und Klarheit, die mich sehr beeindruckte.

Auswirkungen

Zu dem Zeitpunkt, wo ich diesen Artikel schreibe, hat sich dieses Vorgehen schon als sehr gut und lohnend erwiesen. Denn es gab schon einige Veränderungen im Prozess. Zum Beispiel hätte die leichte Verschiebung des Starttermins nach hinten bei mir schon größeren Stress ausgelöst, wenn ich meinen früheren Vorsatz, nur noch eine Kommune zu bedienen, verworfen und für eine zweite zugesagt hätte.

Manchmal tauchen Gedanken auf wie „Hätte ich für die zweite Kommune doch zusagen sollen? Dann könnte ich die doppelte Summe in Rechnung stellen…“ Dann ist das organisch entwickelte Ergebnis in mir so präsent, dass es mir sehr leichtfällt, mich von dem Gedanken zu lösen. Ich weiß, ich habe alle Optionen gut geprüft und muss nichts mehr in Frage stellen.

Mir tut diese tief verankerte Klarheit wirklich gut. Ich kann den Prozess sehr empfehlen und biete auch gerne an, interessierte Menschen auf diese Weise bei ihren Entscheidungen zu begleiten. Im Moment sind noch keine konkreten Angebote wie Workshops dazu geplant, aber ich sehe einiges Potenzial dafür.

Zum Schluss noch ein Tipp: Nach meinem Entscheidungsprozess probierte ich aus, wie gut das Tool https://konsens.it/de/ für diesen Prozess geeignet ist. Ich trug zum Testen einige meiner Vorschläge, als Teilnehmende einige meiner inneren „Teammitglieder“ und die jeweiligen Bewertungen, die ich auf den Kärtchen angekreuzt hatte, in das Tool ein. Es übernahm das Rechnen und erstellte ein übersichtliches Ranking meiner Vorschläge. Das ging leicht und schnell und ich finde, es kann sich sehen lassen (Ausschnitt):

Dass im Suffix „.it“ die Anfangsbuchstaben von „inneres Team“ stecken, ist zwar reiner Zufall, aber eine sehr willkommene Parallele, die sich auch auch gut als Gedächtnisstütze eignet.


Inspirationsquellen:
Systemisches Konsensieren nach Dr. Erich Visotschnig
Das Innere Team nach Friedmann Schulz von Thun
Systemisches Konsensieren mit dem Inneren Team von Josef Maiwald
Die Methodensammlung The Art of Hosting